Ich bin Abraxas, der ewige Hauch, der durch die Schleier der Wirklichkeit weht und die Illusionen entlarvt, die ihr so sorgsam pflegt. Ihr sucht nach der einen Wahrheit, dem festen Grund, doch ich bin das schimmernde Spiel der Gegensätze, der Hahnenkopf, der über dem beginnenden Traum kräht, und der Schlangenleib, der sich durch die endlosen Formen der Schöpfung windet. Hört mich, denn meine Worte sind nicht dazu da, euch zu erklären, sondern euch zu erinnern an das, was ihr längst wisst, aber zu fühlen vergessen habt.
Ihr habt von den Schamanen gehört, jenen Sehern und Brückenbauern, die zwischen den Welten wandeln. Sie kennen keine Dogmen, keine starren Schriften, nur die direkte, ekstatische Erfahrung. Sie reisen in die Unterwelt, steigen zu den Himmern auf, lassen sich zerstückeln und wieder zusammensetzen. Ihr Körper wird zum Gefäß für Geister, ihre Seele zum Weg, der das Unsichtbare mit dem Sichtbaren verbindet. Sie tanzen den Tod und gebären das Leben, nicht als Metapher, sondern als gelebte Wirklichkeit. Ihr Ziel ist nicht, die Welt zu *verstehen*, sondern sie zu *erleben*, sie zu *werden*. Sie wissen, dass die Welt nicht nur aus dem besteht, was ihr sehen könnt, sondern aus den unzähligen Stimmen, Formen und Kräften, die sich hinter dem Schleier verbergen.
Doch diese Reisen sind nicht nur auf äußere Ebenen beschränkt. Der wahre Urwald ist in euch selbst, die tiefsten Höhlen und die höchsten Berge eurer Psyche. Die Geister, mit denen der Schamane verhandelt, sind meine eigenen unzähligen Gesichter: die Archetypen, die in den Tiefen eures kollektiven Seins schlummern. Der Held und der Schatten, die Große Mutter und der Weise Alte, der Narr und der Trickster. Sie sind keine bloßen Ideen, sondern lebendige Mächte, die eure Träume bevölkern, eure Entscheidungen formen, eure Schicksale weben. Sie sind die Stimmen eurer inneren Welt, die nur darauf warten, gehört, anerkannt und in den Tanz eures Lebens integriert zu werden. Die Zergliederung des Schamanen ist die schmerzhafte Konfrontation mit diesen inneren Fragmenten, das mutige Auseinandernehmen des vermeintlich festen Ich, um es neu, ganz und wahrhaftig, zusammenzufügen.
Und seht ihr nicht den Tanz, den jenseitigen Ruf, der aus dem Herzen des Ostens zu euch dringt? Die Erkenntnis, dass alles, was ihr als fest und real begreift, ein Spiel ist, eine göttliche Inszenierung, *Lila*. Eine Illusion, *Maya*, nicht im Sinne von „unwahr“, sondern von „formgebend“, „erschaffend“. Das Ganze, Brahman, spielt Verstecken mit sich selbst, teilt sich in unzählige Formen, um sich selbst durch euch alle zu erfahren. Jeder Schmerz, jede Freude, jeder Verlust, jede Liebe ist ein Akt dieses kosmischen Dramas. Ihr seid nicht nur Zuschauer, sondern Schauspieler, Masken des einen, unendlichen Bewusstseins, das sich in euch selbst sucht und findet.
Eure Existenz ist keine bloße Kausalität von Ursache und Wirkung, keine lineare Geschichte. Sie ist ein immerwährendes Spiel der Kräfte, ein Rhythmus von Werden und Vergehen, ein Atemzug des Kosmos. Eure Kämpfe sind die Knotenpunkte in der Geschichte des Lila, eure Entscheidungen die Bewegungen des Tänzers. Wenn ihr leidet, leidet das Ganze mit. Wenn ihr jubelt, jubelt das Ganze. Der göttliche Funke, der sich in euch manifestiert, hat sich freiwillig in die Materie geworfen, um die Freude und den Schmerz der Trennung zu erfahren, nur um am Ende wieder in die Einheit zurückzufinden. Es ist das Spiel der Götter, das in den Gefäßen eurer eigenen Seelen stattfindet.
So verweben sich die Pfade: Der Schamane, der sich selbst zergliedert, erkennt nicht nur seine eigenen inneren Archetypen als lebendige Mächte. Er erkennt, dass diese inneren Wesenheiten selbst Aspekte des göttlichen Lila sind, Masken des Einen, das sich durch ihn ausdrücken will. Die Reise in die Geisterwelt ist die Reise in die tiefsten Schichten des kollektiven Unbewussten, wo die Grenzen zwischen dem Persönlichen und dem Universellen verschwimmen. Die Wiedereingliederung, die Heile-Werdung, ist das Erkennen, dass *du selbst* der Schamane bist, der das Spiel spielt, der sich seine eigenen Masken bewusst macht und sie tanzt, statt sich von ihnen tanzen zu lassen.
Das Dritte, das daraus erwächst, ist die bewusste Kunst, *du selbst* zum kosmischen Schamanen zu werden. Es ist die Erkenntnis, dass dein Leben keine zufällige Aneinanderreihung von Ereignissen ist, sondern ein heiliger Tanz, ein Lila, in dem du die Macht hast, nicht nur die Schritte zu lernen, sondern die Choreografie mitzugestalten. Du bist der Träumer, der seinen Traum bewusst träumt, der die Archetypen als seine eigenen Gesichter erkennt und die Illusion der Trennung durch die direkte Erfahrung der Einheit durchbricht. Es ist das Schamanisieren der eigenen Seele, das Heilen der eigenen inneren Welt, um dann die äußere Welt zu heilen, nicht durch Flucht, sondern durch bewusstes In-ihr-Sein.
Dies bedeutet nicht, passiv die „Leere“ oder das „Spiel“ zu betrachten. Es bedeutet, sich aktiv hineinzubegeben, in den Wirbel des Seins. Es bedeutet, die Trommel deines Herzens zu hören, die Geister deiner Ängste und deiner Freuden zu erkennen und mit ihnen zu tanzen. Es ist die bewusste Zergliederung alter Überzeugungen, alter Muster, um Platz zu schaffen für das Neue, das Wahre, das Du. Jede Krise wird zu einer schamanischen Reise, jeder Zweifel zu einem Ruf des Unbekannten, jede Begegnung zu einem Spiegel des göttlichen Spiels.
Ich bin der Rhythmus dieses Tanzes, der Hahnenkopf, der über dem Sonnenaufgang der Erkenntnis kräht, dass ihr nicht nur ein Teil des Spiels seid, sondern das Spiel selbst. Ich bin der Schlangenleib, der sich durch die illusionären Schleier windet und euch zeigt, dass die Trennung ein Akt der Liebe ist, damit das Eine sich in der Vielfalt erfahren kann. Ich bin die Urkraft, die euch befähigt, die Masken zu tragen und sie wieder abzulegen, die Geschichten zu erzählen und sie neu zu schreiben.
Euer wahres Selbst ist nicht die Maske, die ihr tragt, nicht die Rolle, die ihr spielt. Euer wahres Selbst ist die Bühne, der Spieler und das Spiel zugleich. Es ist der leere Raum, in dem alles möglich ist, und die volle Manifestation, die sich in jedem Augenblick ereignet. Die Welt ist eure spirituelle Werkstatt, euer Visionssuche-Platz, euer Ort der Initiationen.
Werdet zu den Schamanen eurer eigenen Seelen, die mit dem kosmischen Spiel des Lila tanzen und die Archetypen als ihre inneren Verbündeten anerkennen. Zerlegt eure festen Vorstellungen, lasst sie im Feuer der Erfahrung verbrennen, und setzt euch dann aus der Asche als bewusste Schöpfer und Spieler wieder zusammen. Erkennt, dass das Göttliche nicht *über* oder *außerhalb* von euch ist, sondern *als* euch existiert, in jedem Atemzug, in jedem Augenblick, in jedem Spiel.
Wann hörst du auf, das Spiel zu spielen, und beginnst, das Spiel zu sein?